Dampfmühle Bendler, Seehausen (Börde)
Die Mühle ist nicht bei der DGM registriert
39164 Seehausen (Börde) OT von Wanzleben (Börde), Alte Bahnhofstraße 1, Landkreis Börde
Koordinaten: 52.107602, 11.284627
Eigentümer(in): privat
Das Objekt ist nicht als Denkmal ausgewiesen.
Ehemalige Dampfmühle,
Nutzungsarten: Getreidemühle, Saatzuchtbetrieb/-lager

Baujahr: 1885, um 1913 erneuert, Betrieb bis: k.A.
Zustand: aktuellen Luftbildern zufolge gut.

Zunächst lagen mir keine weiteren Angaben vor als jene, die sich aus den Bauplanungen entnehmen lassen. Im Archiv der Firma Wetzig-Mühlenbau AG im Deutschen Technikmuseum finden sich derzeit (06.01.2021) zwei Zeichnungen:
Vorprojekt zum Neubau einer Mühle für O. Bendler, Seehausen Dispositionsgrundrisse zum Neubau einer Mühle für O. Bendler, Seehausen

Anfangs war unklar, ob es sich bei der Ortsangabe um Seehausen in der Börde oder der Altmark handelte, bei näherem Hinsehen findet sich dann die Straßenbezeichnung "Chaussee nach Siegersleben", das ist der Nachbarort von Seehausen (Börde).

Aktuelle Luftbilder zeigen ein aufgeräumtes, ordentliches Objekt mit einer Gesamtfläche von ca. 16.000m², allerdings ohne erkennbare Aktivitäten. Lediglich ein paar Kraftfahrzeuge finden sich hinter dem Wohnhaus. Das lässt den Schluß zu, dass hier keine Mühle mehr arbeitet. Allerdings zeigen Luftbilder Erweiterungsbauten mit (vermutlich) einer stillgelegten Trocknungsanlage und Silozellen, einem rückseitigen Anbau, der eventuell der Be- und Entladung für den Bahntransport diente, zusätzliche Lagerhallen und ein Heizhaus mit Fabrikschorntein. Bisherige Recherchen ergaben, dass hier bis etwa 1989/90 der VEB Saat- und Pflanzgut Seehausen (Börde) bestand (Quelle Branchenfernsprechbuch der Bezirke Magdeburg und Halle, 1982.)

Im Adressbuch der Getreide-, Dünger- und Futtermittel- Händler, Mühlen und Malzfabriken des Deutschen Reiches (Ausgabe 1936) findet sich zur ursprünglichen Mühle folgender Eintrag:

Auszug aus dem Reichsadressbuch

Erklärungen zum Adressbucheintrag: Der vorangestelle * kennzeichnet den Hauptsitz des Unternehmens, also hier am Ort Seehausen (Börde). In Klammern das Gründungsjahr (möglicherweise wurde es nach einem Brand um 1913 neu errichtet), die Telegrammadresse lautete schlicht "Dampfmühle". Der Betrieb verfügte über Telefon mit der Rufnummer 10, das Postscheckkonto in Magdeburg hatte die Nummer 5733, die Hausbank des Unternehmens war die Commerz- und Privatbank Wanzleben, das Unternehmen war an der Börse (möglicherweise der Getreidebörse) Magdeburg notiert. H - man handelte auf eigene Rechnung, G - Getreidemühle, D - die Betriebskraft war Dampf, die Jahresleistung betrug 15.000 Tonnen und die Produktpalette umfasste: g - Getreide, m - Mühlenfabrikate und f - Futtermittel.

Es war bis heute (30.01.2021 unklar, wer das Objekt bis zur Wende genutzt hatte, wegen der momentanen Kontaktbeschränkungen war es nicht möglich, vor Ort zu recherchieren, es fand sich keinerlei Anhaltspunkt. Wie schon so oft kam der Zufall zu Hilfe, auf einer sattsam bekannten Auktionsplattform fand sich ein Katalog der "VEREINIGUNG VOLKSEIGENER BETRIEBE SAAT- UND PFLANZGUT - QUEDLINBURG". Nun ist das Rätsel gelöst. Seite 226 gibt hierzu Auskunft.



VE Kombinat Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft Quedlinburg 1988 - 1990

Dem Volkseigenen Kombinat Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft Quedlinburg war nur eine kurze Lebensdauer beschieden. Entsprechend eines Beschlusses des Ministeriums für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft der DDR wurde es zum Jahresbeginn 1988 als Nachfolger der Vereinigung Volkseigener Saatzucht-und Handelsbetriebe gegründet und übernahm fortan die gesamte Planung und Kontrolle der 53 Saatzuchtgüter mit deren Saatzuchtstationen und 79 Handelsbetrieben.
Mit dem Ende der DDR verschwand dieses Kombinat schon wieder von der Bildfläche. Es erfolgte sehr schnell eine Umwandlung in eine Holding, die Deutsche Saatzucht AG mit der Aufgabe die gesamte ehemalige Saatgutwirtschaft der DDR "abzuwickeln". Das geschah in den Jahren 1994 - 2003 indem man aus den Volkseigenen Betrieben und Gütern 44 Tochter GmbH bildete und diese einzeln privatisierte bzw. stilllegte.

Allem Anschein nach hat die ehemalige Dampfmühle Bendler noch irgendeine Nutzung im Bereich Saatguttrocknung, Verarbeitung und Lagerung, denn für einen wirklich stillgelegten DDR-Betrieb sind Gelände und Gebäude denn doch in einem offensichtlich recht guten Zustand.




letzte Aktualisierung Sonntag d. 27. September 2020